#shruggie. Die Haltung im Wandel.

Wandel bedeutet stets Veränderung von vertrauten Gewohnheiten, von eingeübten Arbeitsabläufen oder sogar tiefverwurzelten Wertvorstellungen. Wir müssen dann unsere Komfortzone verlassen und betreten neue Felder. Dafür fehlt uns das Wissen und die Erfahrung. Wir werden unsicher. Und nicht selten durchfährt uns ein ratloses Schulterzucken. Für diese Erfahrung und Körperhaltung steht der Shruggie. Er wird abgeleitet aus dem englischen Verb to shrug (“Achsel zucken”) und das Emoticon ¯\_(ツ)_/¯ gibt ihm sein Bild. Doch was steht hinter dem ratlosen Schulterzucken? Zynismus oder Gleichgültigkeit? Keineswegs!  

Der ¯\_(ツ)_/¯ ist für mich in den letzten Jahren zum Wegbegleiter geworden. Er steht für eine sehr sympathischen Grundhaltung, die uns bei der digitalen Transformation, bei dem Wandel in eine “next society” (Peter Drucker) und bei den notwendigen Veränderungen in den Organisationen unterstützen kann. Der Shruggie ist eine Erfindung des viralen Internets. Dirk von Gehlen ist auf seine Spurensuche gegangen. Er hat ihm eine liebevolle und ebenso fundierte Analyse gewidmet und 2018 unter dem Titel “Das Pragmatismus Prinzip. 10 Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen” veröffentlicht.

Der Shruggie ist eine Grundhaltung, die wir anhand von vier Aspekten beschreiben können. 

Der Shruggie ist digital. Das Zentrum ツ (tsu) ist dem japanischen Katakana-Alphabet entnommen. Irgendjemand hat die Schultern ergänzt und sie zu dem Emoticon ¯\_(ツ)_/¯ zusammengesetzt. Der Shruggie folgt den Emoticons und Memen im Netz, die einen digitalen Dialekt darstellen, der von jedem und jeder sprachübergreifend “gelesen” oder besser über sein Bild wahrgenommen und dadurch verstanden werden kann. Der ¯\_(ツ)_/¯ ist universal und ein Kind des World Wide Web. Er gehört keiner*m und jeder*m. 

Der Shruggie ist ratlos. In allen Veränderungsprozessen kommen wir an unsere Grenzen. Wir betreten neue Wege, sind unsicher und häufig sehr ratlos. Gönnen wir uns die Ratlosigkeit, so empfiehlt es der Shruggie, denn sie ist die tiefe Quelle für unsere Inspiration und für das Neue. Wenn wir den Mut aufbringen, unsere Ratlosigkeit für einen Moment auszuhalten oder gemeinsam mit anderen zu teilen, so werden wir merken, wie neue Ideen entstehen. Verrückte fruchtbare Ideen, die nur dann kommen, wenn wir bereit sind, quer zu denken und das Alte für einen Moment los zu lassen.

Der Kognitionswissenschaftler Edward de Bono prägte dafür 1968 den Begriff “Lateral Thinking”. Das laterale Denken ist eine Denkmethode, die wir auch mit Querdenken umschreiben können. Sie folgt nicht einer Logik und folgerichtigen Schritten, die Belangloses meiden, um den Fokus weiter auf ein Ziel zu richten. Querdenken ist sprunghaft und assoziativ. Es ist nicht festgelegt und provoziert manchmal. Das laterale Denken ist eine kreative Fähigkeit, die jede*r gleichermaßen in sich trägt, wenn es auch manchmal verschüttet scheint, weil wir diese Fähigkeit in Schule und Arbeitsleben nicht weiter trainiert haben. Kreativitätstechniken fördern das laterale Denken und sie sind zunehmend ein zentraler Bestandteil von agilen Arbeitsprozessen. Sie helfen uns, von den bewährten Wegen abzuweichen. Und die Ratlosigkeit führt uns an diese Orte, an denen es keinen Ausweg zu geben scheint. Erst dort sind wir häufig bereit, neu zu denken und uns auch auf unerforschte Wege einzulassen.

Der Shruggie ist gelassen. Er beobachtet die Welt und will verstehen. Er nimmt die Perspektive des anderen ein, um durch ihn einen neuen Blick auf einen Sachverhalt, einen Gedanken oder eine Idee zu gewinnen. Die Zusammenhänge in der heutigen Welt und ihre globalen Fragen zeichnen sich durch eine so nie dagewesene Komplexität aus. Es gibt keine einfachen Antworten mehr, die wir im dualen Spektrum von rechten und linken politischen Ideologien diskutieren können. Um diese Komplexität zu bewältigen, benötigen wir eine pragmatische Haltung, die uns erlaubt, zu entscheiden und Fehler zu machen. Der ¯\_(ツ)_/¯ schätzt Fehler, weil sie immer ein Gewinn an Erkenntnis sind. Die Aufforderung ist nicht: vermeide Fehler. Die Aufforderung des Shruggie ist: Erlaube Dir Fehler und lerne von ihnen. 

Der Shruggie ist fröhlich und stets freundlich. Dieser Aspekt ist schließlich eine der schönsten Eigenschaften und im Zusammenspiel mit den anderen Aspekten rundet die Fröhlichkeit die Haltung ab, mit der wir die Ratlosigkeit aushalten und die Gelassenheit leben können. Der Shruggie ist freundlich gegenüber seiner Umwelt. Er ist nie boshaft. Gewaltfreie Kommunikation und der Respekt gegenüber dem Anderen ist ein Teil seiner Grundhaltung. Die fröhliche Gelassenheit ist das Gegenteil einer zynischen Denkhaltung. Dem ¯\_(ツ)_/¯ sind die neuen Hausforderungen nicht egal, sondern er begegnet der “next society” mit einer große Neugier.

Peter Drucker prägte 2001 im Economist den Begriff “next society”. Es ist ein Verlegenheitsbegriff, der für den grundlegenden Wandel der Gesellschaft steht und auf der Beobachtung gründet, dass der Wandel der Verbreitungsmedien vom Buch zu den elektronischen Medien – vom Fernsehen bis zum Computer – neue Probleme hervorbringt, die wir nicht mit unseren gewohnten ideologischen, politischen, wissenschaftlichen, religiösen und ästhetischen Antworten lösen können. Für die Bewältigung der Komplexität der neuen Probleme brauchen wir neuen Theorien (und Utopien) und wir müssen neue Strukturformen und Kulturformen der Gesellschaft entwickeln. (vgl. ausführlicher dazu die Kolumne zum Historischen Wandel)

Die aktuelle Situation gibt uns in diesen Tagen ein Lehrstück für die Komplexität von den Aufgaben, die uns erst noch bevor stehen. Nach COVID-19 werden wir Vorbereitungen für den nächsten Virus treffen müssen. Das Klima fordert vor allem von den Industriestaaten einen neuen Umgang mit unseren Ressourcen heraus. Die Situation wird noch verschärft durch ein exponentielles Bevölkerungswachstum und eine stark ungleiche Verteilung der Güter. Die Digitalisierung hilft uns schon heute – und in diesen Tagen besonders –, Komplexität zu bewältigen, und sie schafft auch neue Fragen und Probleme. 

Der Shruggie sieht die Probleme. Er wird sie nicht lösen. Dass müssen schon wir selber tun. Aber der Shruggie verweist uns auf eine pragmatische Haltung, die Ratlosigkeit nutzt und mit einer gelassenen Freundlichkeit an die Herausforderungen geht, und er gibt uns dafür ein Bild ¯\_(ツ)_/¯.

 

weiterführende Literatur

Dirk von Gehlen: Das Pragmatismus-Prinzip. 10 Gründe für einen gelassenen Umgang mit dem Neuen. Pieper Verlag 2018.
 
 
Holger Simon

Holger Simon